Der Retter von Meißen

Veröffentlicht am 23.06.2012 in Allgemein

Der Sozialdemokrat Willy Anker hat sich am 6. Mai 1945 verdient gemacht. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie.

Willy Anker hat sich in realer Lebensgefahr befunden, als er am 6. Mai 1945 einem Wehrmachtsoffizier öffentlich widersprach, der die Meißner aufgefordert hatte, die Stadt zu verteidigen. Und: Indem er vom Balkon des Rathauses aus die Menschen in der Stadt zu Ruhe und Ordnung aufrief – in einer Situation, in der alles auseinanderbrach –, hat er großen Mut bewiesen.

Zu diesen Aussagen kommt der Historiker Dr. Thomas Widera vom Hannah-Arendt-Institut der TU Dresden in einer Studie. Darin hatte er das Geschehen am 6. Mai 1945 – dem Tag, in dessen Verlauf der Krieg in Meißen zu Ende ging und die Rote Armee ohne Kampfhandlungen in die Stadt einrückte – untersucht. Vor allem aber ging es darum, welchen Anteil der Sozialdemokrat und spätere zweite Bürgermeister Willy Anker an den Entwicklungen hatte.

Den Auftrag dazu hatten die Stadträte erteilt. Weil sie sich nicht darauf einigen konnten, die Handelnden jener Zeit konkret zu würdigen, bleibt eine bronzene Gedenktafel, die im vorigen Jahr vor dem Rathaus in die Erde eingelassen worden war, allgemein. Die Inschrift erinnert lediglich an „Mut und Zivilcourage“, die in den letzten Kriegstagen die Stadt vor der Zerstörung bewahrt hatten.

Die Expertise, die Thomas Widera vor etwa 100 interessierten Gästen im Saal des historischen Rathauses vorstellte, stützt sich im Wesentlichen auf eigene Aussagen von Willy Anker, der auf einer Zusammenkunft des provisorischen Stadtrates am 9. Mai 1945 von Bürgermeister Albert Mücke zu dessen Stellvertreter ernannt wurde. Angesichts der schwierigen Quellenlage beruhen die Ergebnisse der Arbeit auf Schlussfolgerungen.

Der Historiker demonstrierte das auch am Beispiel einer Funktionärskonferenz der SPD vom 22. Mai 1945, auf der auch Willy Anker gesprochen habe. Hätte es Zweifel an Ankers Darstellung zum Verlauf des 6. Mai 1945 und seiner persönlichen Rolle gegeben, wäre das dokumentiert worden. Für Ankers Verdienste um die Rettung und deren allgemeine Anerkennung unter den Meißnern spreche auch die Tatsache, dass die SED, die 1946 aus der Vereinigung von SPD und KPD entstanden war, aus diesen während der Kampagnen zur Kommunalwahl 1946 propagandistischen Nutzen zu ziehen versuchte.

Andererseits zeigten die Lebensläufe, die Willy Anker bis zu seinem Tod 1960 verfasst hatte, dass auf ihm auch erheblicher Rechtfertigungsdruck lastete. Obwohl er in den 30er Jahren von den Nazis verhaftet und vorübergehend im KZ Hoheneck interniert worden war, gehörte er zu den Widerständlern gegen das NS-System, die nicht ins Exil gegangen waren. Unmittelbar nach dem Kriegsende hatten sie bei Moskau-treuen Funktionären innerhalb der KPD um Walter Ulbricht Argwohn erregt. Bei Anker kam hinzu, dass er zu jenen Sozialdemokraten gehörte, die unmittelbar nach dem Krieg für ein Zusammengehen mit der KPD eintraten.

Einen weiteren Beleg für den Mut, den Anker am 6. Mai 1945 zeigte, liefert Ortschronist Gerhard Steinecke. Bei seinen Recherchen für eine Biografie Willy Ankers gelang es ihm, den Namen des Wehrmachts-Hauptmannes ausfindig zu machen, der in einer fanatischen Rede die Meißner noch auf den Endsieg einschwören wollte. Er galt als einer von 1100 vom Reichsparteibüro der NSDAP besonders überprüften hauptamtlichen Führungsoffizieren und damit als besonders radikal und gefährlich.

Die Ergebnisse dieser Studie sollen nun möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden, auch mit Hilfe von Museum und Stadtarchiv, informiert Bürgermeister Hartmut Gruner. Der Text auf der bronzenen Tafel vor dem Rathaus soll vorerst nicht geändert werden. Matthias Rost von der Initiativgruppe, die sich für die Würdigung der Verdienste Willy Ankers einsetzt, will sich nun mit den Stadträten in Verbindung setzen. Dabei geht es ihm um Möglichkeiten und Formen, das Andenken an die historische Leistung zu bewahren. Denkbar wäre auch eine nach Anker benannte Straße.

Dem Wahnsinn entgegen gestellt

Geschichte ist komplex. Und selten in Schwarz-weiß zu beschreiben. Die neue Studie über das Wirken des Meißner Sozialdemokraten Willy Anker zeigt aber auch, dass der Einzelne in bestimmten Situationen sehr wohl etwas bewirken kann. Als Willy Anker am Vormittag des 6. Mai 1945 auf den Balkon des Rathauses trat, war der Krieg in Meißen noch nicht zu Ende. Sicher mögen Wehrmacht und Parteidienststellen in Auflösung, Menschen völlig desorientiert gewesen sein. Aber gerade in dieser chaotischen Situation lag die große Gefahr. Wie schnell hätte eine Waffe auf Willy Anker gerichtet werden können...

Sich den Wahnsinnigen entgegen gestellt zu haben, bleibt sein Verdienst. Das sollte in der Stadt nicht vergessen werden.

Quelle: Sächsische zeitung, Lokalausgabe Meißen, vom 21.06.2012

 
 

Martin Dulig

Susann Rüthrich

Wetter-Online